Interventionen - Ernst Barlach in Münster


Interventionen - Ernst Barlach in Münster

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Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bilden sich in Kunst und Literatur verschiedene exklusive Strömungen heraus, die letztlich alle ein gemeinsames Ziel haben: Die Rehabilitation des Geistigen, des Geheimnisvollen, des Religiösen. Ziel solcher künstlerischen Positionen ist die Befreiung des Menschen von den Fesseln der realen, der sichtbaren, der materiellen Welt zu Gunsten einer dahinter liegenden, höheren Wirklichkeit. Und so kommt ein neues Ich- und Weltbewußtsein auf, das sich nicht mehr allein aus den Quellen der Wissenschaft und des rationalen Weltbildes nährt, sondern durch Rückgriff auf mythische, archaische und kultische Vorbilder das menschliche Subjekt zu seiner eigentlichen Bestimmung zurückzuführen sucht. Barlachs zentrales Thema ist die „Tragik des Seins", das er gleichsetzt mit der „Tragik des Erliegens". In einem Textfragment aus dem Jahre 1929 spricht er von der „ewigen Unbefriedigung des Seins"; jenes Seins, das immer zerstört werden muss, „um neu zu werden, sich seiner selbst entledigt, um seiner selbst im Besseren habhaft zu werden, immer wieder das Unmögliche will, um am Möglichen zu scheitern". Das heißt für Barlach: Selbst die äußerste Anstrengung steht immer unter dem Zeichen der Vergeblichkeit. Wenn wir uns in diesem Zusammenhang den Brief des jungen Pessim aus seinem Roman „Seespeck" vor Augen führen, wird deutlich, wie sehr sich der Künstler und Schriftsteller von den Lippenbekenntnissen und der Scheinsicherheit vieler seiner frommen Zeitgenossen um ihn herum distanziert: „Lieber Gott, mach mich nicht frömmer als ich bin, ich fürchte nicht wenig, es ist schon zu viel davon in mir. Warum? Die Frommen müssen ja faul werden, ihnen geht's ja gut, sie sind ja in ewiger Sicherheit, was kann ihnen passieren! Aber wir andern, wir Sünder, wir merken, was es heißt, auf der Welt sein, an uns hängen Gewichte und zerren und überdehnen uns, sehnen, sehnen tun wir uns, wir sind gespannt bis zum Reißen. Habe ich nicht schon oft gesagt: wie glücklich bin ich, so unglücklich zu sein? Die Frommen merken gar nicht, was in der Welt eigentlich die Welt ausmacht, die armen Frommen! Sollte ein gutes Gewissen wirklich ein sanftes Ruhekissen sein? Meinetwegen, aber ein schlechtes Gewissen schläfert nicht ein, mit einem schlechten Gewissen fangen wir an, Hellhörer und Hellseher zu werden, wir Mäuschen in der Falle hören Farben und sehen Töne, wir Armensünder, wenn in unserer Zelle um halb vier Uhr die Sonne durch den Baum im Hofe scheint.“ Dieser Brief ist in Wahrheit ein Gebet. Aber kein Gebet um Erlösung, sondern um Unsicherheit, um das Glück, unglücklich zu sein, um ein schlechtes Gewissen. In diesen Sätzen offenbart sich jene Haltung des Künstlers, der die „Sicherheit" des Frommen als eine Vorwegnahme des erst jenseits der Zeitlichkeit erreichbaren Heils begreift und abweist. Damit wird zwar nicht das Glück einer naiven Frömmigkeit in Frage gestellt, jene lautere, von keiner Reflexion gefährdete Gotteskindschaft, sondern Barlach greift die Haltung der Frommen an, die sich als Erben und Begünstigte des Erlösers, nicht aber als zum Nachvollzug seiner Passion Aufgerufene fühlen. Barlachs Figuren sind Suchende, vor allem aber Zweifelnde, in denen die Stationen eines existentiellen Kampfes aufleuchten. Der Schrei in die Welt ist ihre dominierende Geste. Als Einzelne oder Ausgesetzte streben sie dahin, die Kulissenwelt der „Schön- und Scheingeistigkeit“ zu verlassen und jenseits aller Trugbilder die Umrisse einer wahren und unverfälschten Existenz zu erblicken. Hinter diesem künstlerischen Konzept steht die Forderung des Künstlers an den Betrachter, sich auf den Weg zu machen, der auch dann noch sinnbringend ist, wenn ein Ziel nie erreicht wird, denn nicht allein das Ziel, sondern schon ein Aufbruch und ein Weg der Wandlung bestimmen den Sinn der menschlichen Existenz. In der Ausstellung: „Interventionen - Ernst Barlach in Münster“ erleben wir den Künstler als einen Menschen, in dem sich alle Wirren einer schwankenden und umkämpften Seele abbilden, einer Seele, die sich im permanenten Schwebezustand zwischen einer diffusen Hoffnung auf Erlösung und konkreter Zukunftseröffnung befindet. Selbst als er vom Verbot der Berufsausübung bedroht war, hat der Visionär Ernst Bar-lach das „Kommen des noch Unbekannten“ als einen Beweggrund seines Schaffens beschrieben. Und so hat sich das Werk Barlachs bis ins Alter hinein eine ins Utopische drängende Jugend erhalten. Die menschliche Figur bleibt dabei seine „künstlerische Muttersprache“ und in der allgemeingültigen Gebärde findet er den Ausdruck des zutiefst Menschlichen. „Ich bin viel Christ, viel Heide, viel Buddhist, viel, viel sonst. Nordisch, gespenstisch, hexen-süchtig“ schreibt Barlach 1916 über sich selbst. Er verstand sich als Gottsucher, durchdrungen von dem Bedürfnis nach spiritueller Welterfahrung und er fand sie in der ganzheitlichen Verbindung von Körper und Geist. 1917, im Katalog der ersten Einzelausstellung Ernst Barlachs, wurden seine Figuren dann auch treffend beschrieben als „Gestalten, die zur Hälfte in eine andere Welt hineinragen, mit ihren Stimmen aber die Sprache unseres eigenen Lebens sprechen“. 20 Jahre später lesen wir in der berüchtigten SS-Zeitschrift „Das Schwarze Korps": „Die Welt ist ihm das sinnlose Leiden und dämmernde Dahinbrüten, untermischt mit ziellosen Ausbrüchen unbeherrschter Leidenschaft, (…) ein Zustand und Wesen, das wir als „entartet" ansehen müssen.“ Im gleichen Jahr schreibt Theodor Heuss: „In dem Werk von Ernst Barlach steckt eine merkwürdig bewegende, ja beunruhigende Kraft.“ Wieder viele Jahre später notiert Bert Brecht, nachdem er 1952 die große Barlach-Ausstellung der Akademie der Künste der DDR besucht hatte: „Ich halte Barlach für einen der größten Bildhauer, die wir Deutschen gehabt haben. Der Wurf, die Bedeutung der Aussage, das handwerkliche Ingenium, Schönheit ohne Beschönigung, Größe ohne Gerecktheit, Harmonie ohne Glätte, Lebenskraft ohne Brutalität machen Barlachs Werke zu Meisterwerken“ und heute lesen wir von Helmut Schmidt: „Für mich ist Ernst Barlach eine der ganz großen bewegenden Kräfte der deutschen Kunst im Zwanzigsten Jahrhundert.“
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